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Ein schwerer Verkehrsunfall aus der Sicht eines Feuerwehrmannes

Am  Beispiel dieses Verkehrsunfalls möchte Ich schildern, wie ich als Feuerwehrmitglied der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Korneuburg einen Einsatz erlebte:

 

Samstag 20:32 Uhr | Irgendwo in Korneuburg

Es ist ein lauer Spätsommerabend in Korneuburg, einige meiner Freunde und Kameraden sind bei einer Grillparty eingeladen, es herrscht eine gemütliche Stimmung. Wir sind alle seit längerer Zeit Mitglieder bei der Feuerwehr. Im zivilen gehen wir normalen Berufen nach, in unserer Freizeit nehmen wir an Übungen und Schulungen teil. Wir treffen uns regelmäßig, plaudern oder helfen uns beim Umzug oder bei Arbeiten in der Wohnung. Unsere Berufung - Feuerwehrmann- oder frau zu sein - hat uns "zusammengeschweißt". Wann und wo die Hilfe der Feuerwehr benötigt wird, weiß niemand vorher. Aber wenn es so weit ist, dann verwandeln wir uns in die Helfer und tun kostenlos unseren Dienst am Nächsten.

 

Szenenwechsel: Zeitgleich A22, Donauuferautobahn, km 16.5:

Ein dumpfer Knall, Trümmerteile fliegen durch die Luft, quietschende Reifen. Verkehrsunfall; ein PKW liegt am Dach, Personen laufen umher, Stau, jemand wählt Notruf 122.

 

Alarm SMS20:35 Uhr | Mein Handy vibriert am Gartentisch, ich werfe einen Blick aufs Display und erblicke die ersten Zeilen der SMS: "BAZ KO meldet …" Gleichzeitig lösen unsere Funkmeldeempfänger aus, Gespräche verstummen. Auf dem lese ich: "BAZ KO meldet: Autobahn-Menschenrettung (T2) für Stadt Korneuburg: A22 (RiFb. Wien), Knoten Korneuburg >> BU Langenzersdorf. Info: 1 eingeklemmte Person" .

Meine Kameraden und Ich springen auf, wir laufen in Richtung unserer Autos.  Währenddessen quittiere ich die Alarmmeldung am Pager durch Drücken der gelben Taste. Jetzt denkt jeder nur mehr daran, so schnell wie möglich in die Feuerwehrzentrale einzurücken, jede Sekunde zählt. Keine Minute später-prescht bereits der Notarztwagen des Roten Kreuzes Korneuburg mit Blaulicht an uns vorbei.

 

Einsteigen FF Auto20:38 Uhr | Wir bleiben mit quietschenden Reifen am Parkplatz des Feuerwehrhauses stehen, Ich springe aus dem Auto und laufe zur Eingangstüre. Im Umkleideraum sind bereits zwei weitere Kollegen. Über Bildschirme im Feuerwehrhaus erkennen wir die genaue Einsatzadresse, den Anfahrtsweg und weitere Informationen, wie Wind- und Wetterverhältnisse. Ich greife nach der, über die Stiefel gekrempelte Hose, der sandgelben Einsatzjacke und meinem Helm. In der Fahrzeughalle heult ein Motor auf; das Vorausrüstfahrzeug verlässt bereits das FF-Haus. Das Tanklöschfahrzeug-Tunnel setzt sich ebenfalls bereits in Bewegung. Ich sprinte aus der Umkleide, das Einsatzgewand unter dem Arm, und ergreife die Türschnalle. "Voll" schreie ich, nachdem ich den letzten Platz füllte. Das Feuerwehrauto ist jetzt mit sechs Mann besetzt. Isabella, die Kraftfahrerin, gibt Gas und das 18 Tonnen schwere Fahrzeug setzt sich wieder in Bewegung. Das grüne Neonlicht in der Mannschaftskabine wirft ein ungewöhnliches Licht, ich ziehe mich vollständig an. Wir ziehen uns Einmalhandschuhe an, die uns vor Krankheiten schützen, wenn wir mit Blut in Berührung kommen sollten. Lisa gibt mir einen kurzen Lagebericht, was der Disponent der Bereichsalarmzentrale bei der Ausrückemeldung alles angegeben hatte: "Unfall A22, eine eingeklemmte Person, Notarzt und Polizei am Weg; Stau!" Ich nicke und beginne mich geistig auf den Einsatz vorzubereiten-mein Puls ist jetzt bei einem Vielfachen des normalen Wertes.

 

20:39 Uhr | Keine fünf Minuten nach dem Alarm

SpreitzerDas Vorausrüstfahrzeug biegt, mit Dauerhorn, auf die Autobahn, wir mit dem Tanklöschfahrzeug hinterher. Nach einer kurzen Fahrt erkenne ich das Blaulichtmeer zwischen den Lärmschutzwänden. Unser Gruppenkommandant gibt Anweisung, uns am Einsatzort aufzuteilen: "Michi, Manuel Ihr unterstützt die Mannschaft des Vorausrüstfahrzeug bei der Menschenrettung, die anderen richten Brandschutz und Verkehrsabsicherung her!" Ich gebe ein "Ok!" von mir und blicke wieder nach vorne. Isabella drückt nochmals den Knopf für das Martinshorn, es ist auch im Inneren des Fahrzeuges unangenehm laut. Die Lenker im Stau quälen sich zur Seite, bilden langsam die Rettungsgasse. Unser Fahrzeug erreicht den Einsatzort gleich nach dem Vorausrüstfahrzeug.

Ein PKW liegt am ersten Fahrstreifen am Dach, ein weiterer steht schwer demoliert daneben: Bei diesem sind die Mitarbeiter des Roten Kreuzes bei der Arbeit. Autofahrer stehen herum; der Einsatzleiter verschafft sich einen Überblick, spricht mit dem Polizisten und dem Notarzt.

Ich bringe, gemeinsam mit Manuel, den Spreitzer, ein Teil des hydraulischen Rettungssatzes, in Stellung. Thomas fährt den Lichtmast aus, startet den Generator.

"Menschenrettung, Spreitzer, über die Fahrertüre!“ befiehlt der Einsatzleiter. Nachdem sich der Einsatzleiter mit dem Notarzt über die Menschenrettung abgesprochen hat, wird die Fahrertüre entfernt, um eine schonende Rettung des Patienten zu ermöglichen. Manuel und Ich beginnen mit dem Öffnen der Türe, mit voller Wucht stemmen wir uns gegen den Spreitzer. Mit einem Krachen beginnt sich das zerdrückte Blech zu bewegen. Erst jetzt kann ich einen Blick auf das Innere des PKW werfen. Das Dach ist stark eingedrückt, der Fahrer kauert blutüberströmt am Sitz, der Notarzt neben ihm. Eine Decke schützt die beiden vor eventuellen Splittern, die beim Arbeiten entstehen könnten.

 

retten20:46 Uhr | Polizisten, die Gespräche führen, geschockte Personen, verdutzte Autofahrer, die sich an der Unfallstelle vorbeischlängeln. Die gespenstische Stimmung wird nur durch das Martinshorn des schweren Rüstfahrzeuges und des Kfz-Bergefahrzeuges gebrochen, die nun auch den Einsatzort durch den Stau erreicht haben. Jetzt sind wir bereits 18 Mitglieder unserer Feuerwehr auf der Autobahn.

 

21:05 Uhr | Die Person ist von uns befreit worden. Der Notarztwagen verlässt den Einsatzort. Die Stimmung ist jetzt immer noch bedrückend. Ich merke erst jetzt, dass ich schweißgebadet bin - Manuel ist es auch. Mir ist unwohl.

Ich versuche mir vorzustellen wie der Unfall passiert sein könnte, während einige unserer älteren Kollegen mit den Aufräumarbeiten beginnen. Wir sitzen gemeinsam an der Leitplanke und trinken einen Schluck Mineralwasser, die zerstörten PKWs werden routinemäßig verladen. Doch der Einsatz ist alles andere als Routine gewesen.

 

21:34 Uhr | Nachdem wir die verunfallten PKW 's gesichert abgestellt hatten, rücken wir ein. Im Tanklöschfahrzeug spricht niemand, der Gruppenkommandant meldet per Funk, dass der Einsatz beendet sei. Ich lasse alles nochmal Revue passieren, vom Grillwürstchen am Teller, bis zum Unfall.

Im Feuerwehrhaus gibt es eine kurze Nachbesprechung und der Einsatzbericht wird geschrieben.

 

22:15 Uhr | Irgendwo in Korneuburg

Wir kehren zur Grillparty zurück, Manuels Freundin hatte inzwischen das Feuer gehütet und Fleisch nachgelegt; mit kurzen Worten fassen wir das Erlebte zusammen. Mir ist allerdings der Appetit aufs Essen vergangen…

 

- M.Z -